Das Verlorene Leben
Und das war’s.
Die Bombe erreichte das Land und explodierte mit einem schrecklichen Lärm; so laut, dass ich meinen Schrei nicht hören konnte.
Und dann wurde alles wieder still.
Still und staubig.
Ich wusste nicht wo meine Beine standen. Eigentlich fühlte ich gar nichts: keinen Schmerz, keine Angst. Nichts.
War ich überhaupt noch am Leben?
– Ist es schon fertig? fragte plötzlich jemand, irgendwo in der Dunkelheit.
– Ich… ich glaube, dass wir jetzt nicht mehr in Gefahr sind, antwortete eine Stimme, die wie die meiner Mutter tönte.
– Mama? fragte ich ungläubig, bist du es?
Keine Antwort.
– Mama?
– Komm her, Kleiner, sagte die gleiche Stimme und ich sah, fünf Meter vor mir, einen Schatten sich bewegen.
Endlich fühlte ich meine Beine wieder und sofort ging ich dort hin wo ich die Stimme meiner Mutter gehört hatte.
Aber es war nicht meine Mutter.
– Wer sind Sie? fragte ich unsicher.
Die Unbekannte blickte auf mich und ich sah zum ersten Mal ihr Gesicht.
Es war eine alte Frau, die ich noch nie gesehen hatte und sie sah so gar nicht wie eine Verlorene aus.
In den Gesichtern der Verlorenen sieht man Verzweiflung und Leid, aber in ihrem Gesicht war nur das Alter.
– Ich heiße Rosemarie Krenn, antwortete die Frau, und wer bist du?
– Franz… einfach Franz.
– Hast du deine Mutter verloren?
– Tja… es ist schon lange her, wissen Sie… als die Weißen anfingen uns davonzujagen.
– Ich verstehe… aber bist du hier ganz allein?
Ich wusste nicht was antworten. War ich oder war ich nicht allein? Es gab die anderen Verlorenen und wir standen alle zusammen am gleichen Abgrund: es gab Menschen die uns hier nicht wollten und wir mussten zusammen kämpfen um nicht zu sterben. Deswegen konnte ich nicht behaupten allein zu sein. Aber doch war es mein Gefühl, weil ich mich, wie ein verlorenes kleines Kind fühlte.
Ein Gefühl, dass wir alle kannten: wir waren die Verlorenen.
– Hier sind wir allein zusammen, antwortete ich schließlich.
Die alte Frau sah mich an, wie erstaunt.
– Aber Sie sind keine Verlorene, nicht wahr? sprach ich weiter.
– Nein. Ich bin eine Schriftstellerin.
– Und was suchen Sie hier?
– Du musst verstehen, dass ich nur schreibe wenn ich die Wahrheit weitergeben kann. Und hier ist die Wahrheit der ganzen Welt. In diesem furchtbarem Elend.
Ich wusste nicht was sagen.
– Haben Sie hier keine Angst vor dem Tod? fragte ich endlich.
– Doch… aber so bin ich sicher mit ehrlichen Gefühlen zu schreiben. Das ist sehr wichtig.
– Und wissen Sie warum die Weißen uns so hassen?
– Der Mensch braucht immer jemanden zu hassen.
– Aber warum?
– Um sich lebendig zu fühlen.
War es wirklich so einfach?
Hassten wir und töteten wir nur um zu leben? Ich konnte es nicht glauben.
Rosemarie Krenn sprach weiter, als ob sie meine Gedanken gelesen hätte:
– Weißt du, Kleiner… ich bin nur eine alte Frau; du braust mir nicht zu glauben.
Plötzlich gab es wieder einen schrecklichen Lärm: es war eine neue Explosion.
– Hörst du wie sie lebendig sein wollen? sagte Rosemarie, leise.
Und dann wurde alles wieder still.
Still und staubig.
Man tötet um zu leben,
Man lebt um zu sterben.
In dieser verlorenen Welt.